Aus aktuellem Anlass – immer mehr Interessenten fragen nach nachhaltigen Geldanlagen – möchte ich auf die Widersprüchlichkeit der verschiedenen Analysen hinweisen. Die nachfolgende Veröffentlichung aus dem Hause Flossbach von Storch liefert interessante Ansätze zu dieser Thematik. 

Beim nachhaltigen Investieren sollen Ratingagenturen Anlegern Orientierung geben. Doch eine Studie des Flossbach von Storch Research Institute zeigt: Deren Nachhaltigkeitsurteile sind oft widersprüchlich.  

Nachhaltigkeit – selten zuvor hat ein Thema an den Finanzmärkten in kurzer Zeit eine solche Dynamik entfaltet. Das Forum Nachhaltige Geldanlage beziffert die Summe der effektiv nachhaltig verwalteten Geldanlagen in Deutschland auf 219 Milliarden Euro – damit hat sich deren Volumen innerhalb von vier Jahren um knapp 100 Milliarden Euro erhöht. 1.527 Milliarden Euro gelten in Deutschland zudem als verantwortlich investiert. Beim „Verantwortlichen Investieren“ bekennen sich zum Beispiel Asset Manager nicht direkt auf der Produkt-, sondern auf der Unternehmensebene zu nachhaltigen Grundsätzen wie etwa den „Principles for Responsible Investments“ (PRI) der Vereinten Nationen. 

„Wie jedoch die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen gemessen werden soll – das ist alles andere als eindeutig definiert“, erklärt Kai Lehmann, Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute. In der Praxis wird die Integration von Nachhaltigkeitskriterien in den Anlageprozess vor allem dadurch erschwert, dass es bislang kaum belastbare Modelle gibt, die eine valide Beurteilung ermöglichen. Ob ein Unternehmen ökologisch und sozial arbeitet – und auch noch gut geführt wird, ist in vielen Fällen einfach Ansichtssache. Bei der Bewertung, ob ein Unternehmen nachhaltig ist oder nicht, sollen die Nachhaltigkeitsratings Orientierung geben. 

Doch: Wie aussagekräftig sind diese Ratings? Das Flossbach von Storch Research Institute hat die Bewertungen von Nachhaltigkeitsratings mit einer gewissen Marktbedeutung wie MSCI ESG, RobecoSAM und Sustainalytics auf den Prüfstand gestellt. Die Ergebnisse der Studie sind beunruhigend. 

„Nicht nachhaltig“ bis „nachhaltig“ für Volkswagen 

Die Einschätzungen der einzelnen Ratingagenturen zu den Nachhaltigkeitsleistungen ausgewählter Unternehmen weichen erheblich voneinander ab: Auf einer Bewertungsskala von 0 (nicht nachhaltig) bis 100 Punkten (sehr nachhaltig) bewertet beispielsweise die Ratingagentur MSCI ESG den Automobilhersteller Volkswagen mit null Punkten, Sustainalytics vergibt 19 Punkte. Bei RobecoSAM gibt es hingegen 65 Punkte. Ist Volkswagen laut Rating also nun „nicht nachhaltig“, „ein bisschen nachhaltig“ oder „nachhaltig“? 

Ein Beispiel von vielen: Die Porsche Automobil Holding erhält von Sustainalytics 88 Punkte, MSCI ESG vergibt dagegen nur sieben Punkte. Elektroautohersteller Tesla räumt bei MSCI ESG 65 Punkte ab, bei Robeco SAM hingegen nur 13 Punkte. 

Unterm Strich finden sich bei den drei Ratingagenturen unter den Top 100 – also unter den am besten bewerteten Unternehmen – insgesamt 235 verschiedene Gesellschaften. „Lediglich elf Firmen sind bei allen drei Agenturen unter den Besten 100 zu finden“, sagt Lehmann. Gibt es tatsächlich so gut wie keine eindeutig nachhaltigen Unternehmen, auf die sich die drei untersuchten Ratingagenturen einigen können? 

Deutsche Unternehmen besser bewertet als US-Firmen 

Auch zeigt sich eine deutliche Diskrepanz in der Bewertung einzelner Aktienmärkte. Während die Hälfte der US-Unternehmen eine Bewertung von 50 Punkten oder schlechter erhält, unterschreitet nur ein Viertel der deutschen Unternehmen diesen Wert. Die besseren Bewertungen sind aber nicht zwingend auf „nachhaltiger“ wirtschaftende deutsche Unternehmen zurückzuführen. „Es ist möglich, dass die stärkeren Berichtspflichten das Rating beeinflussen“, sagt Lehmann. 

Ein verantwortungsvoller Umgang mit den Urteilen der Nachhaltigkeitsagenturen – so das Resümee der Analyse – ist angebracht. Die Nachhaltigkeits-Bewertungen bieten zwar in manchen Fällen brauchbare Hinweise und Denkanstöße. Ein unreflektiertes Übernehmen der Bewertungen kann dem Anspruch von verantwortungsvollem Investieren aber nicht gerecht werden. 

Dr. Kai Lehmann arbeitet als Analyst am Flossbach von Storch Research Institute in Köln. Seine Analyse zu ESG-Ratings finden Sie hier. 

Veröffentlicht wurde der Artikel am 13.02.2020 unter